Es ist Zeit für die 33 Stunden Woche

Wenn es um Verteilung oder Umverteilung geht, dann geht es meist um Einkommen und Vermögen. Und das auch völlig zu Recht, wie das einschlägige Datenmaterial jedes Jahr aufs Neue beweist. Die Herstellung einer sozial gerechteren Welt kommt ohne Umverteilung von monetären Werten nicht aus. Dabei darf aber der Themenkomplex Arbeit nicht zu kurz kommen. Dieses Themenfeld erweist sich insbesondere vor zwei Fragestellungen als nach wie vor aktuell: Erstens: Wofür eigentlich Arbeit? Wem oder was soll unsere Wirtschaftlich dienen? Geht es um maximale Produktivität, Wettbewerb um jeden Preis oder um Wohlstand, glücklich lebende Menschen und Lebensqualität?  Zweitens: Wie gehen wir mit Arbeit um und vor allem, wie verteilen wir Arbeit? Dieser Frage widmet sich der folgende Beitrag. Dabei fällt schnell auf, dass nicht nur die monetären Werte ungleich verteilt sind, sondern auch die Arbeitsbelastung.

Die durchschnittliche Arbeitszeit von Erwerbstätigen in Deutschland beträgt – ohne Berücksichtigung von Überstunden – etwa 37 Stunden die Woche. Üblich sind 40 Stunden die Woche bei einer Vollzeitstelle. Viele arbeiten deutlich länger, vielfach auch entgegen vertraglicher Abreden. Dabei ist klar: Zu viel Arbeit ist ungesund. Viele Menschen hierzulande sind am Rande der Belastbarkeit. Das äußert sich auch in Statistiken über die Entwicklungen von „Burnout -Syndromen“ und anderen psychischen Erkrankungen. Jahr für Jahr steigt der prozentuale Anteil von psychisch bedingten Krankschreibungen. 2012 betrug der Anteil bereits 17 % aller Krankschreibungen. Andererseits sind lange Arbeitszeiten wichtig für unsere Produktivität. Kürzere Arbeitszeiten können sich als Standortnachteil für deutsche Unternehmen erweisen – das ist jedenfalls die gängige Argumentation, die der Forderung nach Arbeitszeitverkürzung regelmäßig entgegengehalten wird. Werfen wir einen Blick auf folgende Grafik:arbeitszeitverteilung

Deutschland verzeichnet 3,55 Mio.[1] Arbeitslose, die zusammen Sozialleistungen in Höhe von mehr als 40 Milliarden Euro jährlich erhalten. Die Sozialleistungen werden natürlich durch Steuereinnahmen finanziert. Steuern, die von den etwa 42,5 Mio. Erwerbstätigen gezahlt werden. Das heißt: In unserem heutigen System finanziert eine hart arbeitende Mehrheit eine überhaupt nicht oder nur sehr wenig arbeitende Minderheit. Und das, obwohl der ganz große Teil dieser Minderheit (gerne) arbeiten würde, aber schlicht keinen Arbeitsplatz findet. Weil die Arbeitslosen dem arbeitenden Teil der Bevölkerung entlasten könnte, wenn man die Arbeitszeit der Beschäftigten dementsprechend kürzen würde, muss man konstatieren: Wir haben eine krass irrationale Arbeitszeitverteilung. Das klingt, werden manche sagen, wie die unrealistische Forderung nach einer 33-Stunden Woche. Zunächst einmal: Ja – eine 33 Stunden Woche wäre eine Lösung. Anders als es die Gewerkschaften propagieren, müssten die Arbeitnehmer dafür, jedenfalls solange wir es für notwendig erachten, unsere Standortbedingungen im weltweiten Vergleich konkurrenzfähig zu halten und wir für einen Moment Verteilungsfragen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer vernachlässigen, aber auch auf entsprechenden Lohn verzichten. Ein Siebtel weniger Lohn für die Arbeitnehmer? Wieder Ja! Das wäre jedoch keine Katastrophe, wenn man sich klar macht, dass der Staat in einem solchen Szenario eben keine 3,55 Mio. Arbeitslose mehr zu versorgen hätte und die Steuerbelastung dementsprechend gesenkt werden könnte. Das gesamtgesellschaftliche Einkommen bliebe schließlich identisch. Die Summe der geleisteten Arbeit würde sich nicht ändern. Das einzige, was sich ändern würde, wäre die Art der Umverteilung. Die heutigen 3,55 Mio. Arbeitslosen würden – nunmehr in Arbeit – deutlich mehr Einkommen erzielen. Die bisher arbeitende Mehrheit würde währenddessen – mit Blick auf die mit der Arbeitszeitumverteilung einhergehenden Steuerentlastung – nur ein geringfügig niedrigeres Einkommen erzielen. Und die niedrigeren Einkommensschichten würden so an die mittleren Einkommensschichten heranrücken.

Eine solche Arbeitszeitreform wird eine substanzielle Umverteilung von Einkommen und Vermögen nicht erreichen können, kann aber geeigneten Maßnahmen flankierend zur Seite stehen, zumal mit ihr bei konsequenter Umsetzung die Arbeit in Deutschland verknappt werden könnte – was einen allgemeinen Lohnanstieg zur Folge hätte. Manche würden einem solchen Vorschlag möglicherweise entgegenhalten, ein Großteil der heute Arbeitslosen könnte die anfallende Arbeit, welche durch die Senkung der Arbeitszeit der heute Arbeitenden entstünde, mangels Qualifikation gar nicht erbringen. Stimmt das?

Wie sieht es also aus mit der Qualifikation der heutigen Arbeitslosen? Das Thema ist relativ unübersichtlich. Zunächst stellt sich die Frage: Was für Qualifikationen sind denn überhaupt notwendig? Fakt ist, dass 19 % der Menschen ohne eine Berufsausbildung arbeitslos sind. Das heißt im Umkehrschluss, dass 81 % der Menschen ohne Berufsausbildung erwerbstätig sind. Zu einem nicht unerheblichen Anteil der zu verteilenden Arbeit ist eine Berufsausbildung also offensichtlich gar nicht notwendig. Fakt ist auch, dass etwa die Hälfte der heutigen Arbeitslosen über eine Berufsausbildung verfügt. Von allen Akademikern sind im Übrigen 2,5 % arbeitslos. Auch vermeintlich hoch qualifizierte Arbeitslose sind also gelegentlich ohne Arbeit. Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse lässt sich sagen, dass die heutigen Arbeitslose grundsätzlich sehr wohl in der Lage sind, Arbeitsplätze übernehmen zu können.

Zugegeben: Natürlich verfügen die heute Arbeitslosen nicht exakt über die Ausbildungen und Qualifikationen, die im aktuellen Arbeitsmarkt benötigt werden. Nicht zuletzt aus diesem Grund wird es auch immer eine gewisse Sockelarbeitslosigkeit geben. Gleichwohl müssen natürlich insbesondere Unternehmen bereit sein, entsprechende Personen aus- und fortzubilden. Und zwar auch Personen im mittleren Alter. Eine solche Bereitschaft kann durch die Verknappung von Arbeit erzeugt werden.

Die Lüge vom Fachkräftemangel

Immer wieder geistern Meldungen durch die deutsche Medienlandschaft, die einen Fachkräftemangel bemängeln. Wäre das der Fall, wäre es in der Tat höchst fahrlässig, die Arbeitszeit der heutigen Fachkräfte durch gesetzliche Anordnung zu verkürzen. Wirft man einen genaueren Blick auf die entsprechenden Meldungen und die dahinter stehenden Studien, dann stellt man schnell fest, dass die Untersuchungen diese Schlussfolgerungen auf eine sehr eigenwillige Art herleiten. Nach Definition der Bundesagentur für Arbeit liegt ein Fachkräftemangel vor, wenn einer ausgeschriebene Stelle lediglich drei Bewerbungen gegenüberstehen. Wenn also 100 Stellen ausgeschrieben werden und sich lediglich 300 geeignete Personen bewerben, liegt nach Ansicht der Bundesagentur für Arbeit ein Fachkräftemangel vor. Soweit so gut. Der Unternehmensverband VDI – Verein Deutscher Ingenieure – zieht im Grundsatz die Zahlen der Bundesagentur heran. Und jetzt aufgepasst: Die Anzahl der gesuchten Ingenieure multipliziert der VDI mit der Zahl sieben. Argument: Nicht jede zur Verfügung stehende Stelle wird gemeldet. Nach den Studien der VDI liegt also bereits dann ein Mangel an Fachkräften vor, wenn bei 100 gemeldeten Stellen ­­– dies ergibt mit sieben multipliziert 700 Stellen in den Augen des VDI – 2100 (700 mit drei multipliziert) Bewerbungen von geeigneten Fachkräften erfolgen. Selbst wenn also auf eine ausgeschriebene Stelle im Durchschnitt 21 (!) Bewerbungen folgen, liegt nach den Maßstäben des VDI ein Fachkräftemangel vor. Der Fachmann Prof. Dr. Gerd Bosbach nennt das „Lügen mit Zahlen. Ich biege mir meine Statistik so zurecht, dass was Schlimmes rauskommt.“ Inzwischen hat der VDI auf die Kritik reagiert, indem er die Multiplikation mit der Zahl sieben durch die Multiplikation mit der Zahl fünf ersetzt hat. Völlig willkürlich und ohne Begründung. Ein Fachkräftemangel bei den Ingenieuren existiert gleichwohl nicht. Sie ist eine Lüge, die durch Fälschungen von Statistiken aufrecht erhalten wird. Diese Studien zum Fachkräftemangel werden von den Unternehmensverbänden veröffentlicht, um der Industrie in Zukunft einen möglichst großen Bewerberpool zu ermöglichen. Folge: Geringere Löhne und mehr Möglichkeiten zur Selektion. Zur Vertiefung sei für Interessenten folgender – vergleichsweise gut recherchierter – Beitrag empfohlen:

Wir halten fest: Ein Fachkräftemangel existiert nicht. Viel mehr wird es in Anbetracht der gestiegenen Studierendenzahl und der von der Bundesregierung gelockerten Zuwanderungsbedingungen zu einem Fachkräfteüberschuss kommen. Dieser Fachkräftemangel steht einer rationaleren Arbeitszeitverteilung nicht nur nicht im Wege, der zukünftige Fachkräfteüberschuss spricht gerade für eine Arbeitszeitreform. Unabhängig hiervon steht ohnehin außer Frage, dass die Personen ohne Berufsausbildung dringend ausgebildet werden müssen. Wie auch aus dem eben erwähnten Beitrag (siehe Video) hervorgeht, bilden die Unternehmen aber immer weniger aus und fort. Stattdessen schreiben sie viel zu spezielle Stellen aus, deren Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt kaum einer erfüllen kann. Durch die Verknappung des Angebots an Arbeit werden Unternehmen dazu gezwungen, mehr aus- und fortzubilden. Dies wäre genau der richtige Schritt, um einen Teil der Bildungsmisere endlich zu beenden.

Positive Effekte durch Arbeitszeitverkürzung

Wenn es um die Effekte einer solchen Arbeitszeitreform geht, ist andersherum auf eine positive Wirkung bezogen auf die Produktivität zu schließen. Arbeitnehmer/innen, die endlich von einer Überbelastung befreit werden, werden erstens gesünder und zweitens – damit zusammenhängend – auch glücklicher. Fehlzeiten würden sich verringern. Zudem sind glücklichere und weniger ausgelastete Arbeitnehmer/innen kreativer und produktiver. Eine Arbeitszeitreform würde zu einer qualitativen Steigerung der Arbeit beitragen, was sich wiederum als Standortvorteil erweisen könnte. Zusätzlich kann mit der Arbeitszeitreduzierung auch dem Umstand Rechnung getragen werden, dass die Arbeit insgesamt durch den technischen Fortschritt ohnehin stetig sinkt. Die Verknappung von Arbeit würde dem Phänomen entgegenwirken, dass wir uns ständig neue – oft unnötige – Arbeitsmaßnahmen erdenken. Nur so kann technischer Fortschritt allen Menschen dienen und nicht nur einer kleiner Minderheit.

Was ist mit dem Recht auf Arbeit?

Es gibt sie, die so genannten „Workaholics“, die – auch wenn sie es oft nicht zugeben wollen – sehr gerne sehr viel arbeiten. Arbeit stellt sich für viele Menschen in der Tat als Möglichkeit dar, sich selbst zu verwirklichen. Was also ist mit der Freiheit, mehr als 33 Stunden arbeiten zu können? Eine Regelungen zur Begrenzung der Arbeitszeiten muss nicht notwendigerweise für Selbstständige gelten. Für diese Personen bleibt also die Selbstständigkeit – übrigens auch die ehrenamtliche Tätigkeit – als ideales Format. Ansonsten gilt das, was auch sonst gilt, wenn unterschiedliche Grundrechtspositionen aufeinander treffen: Die Rechte müssen in einer angemessenen und schonenden Art und Weise zum Ausgleich gebracht werden. Das Recht auf Mehrarbeit kollidiert insoweit mit dem (untechnisch verstandenen) Recht anderer, überhaupt eine Arbeit ausüben zu können. Die oben geschilderten Vorteile einer Arbeitszeitumverteilung können im Übrigen als Rechtfertigung dienen, dem Drang nach Mehrarbeit Grenzen zu setzen.

Abgrenzungsbedürfnis der Mittelschicht vs. greifbare Reform zur Besserung der Lebensbedingungen

Die – möglicherweise – nur geringe Popularität einer solchen Arbeitszeitumverteilung könnte etwas mit dem Bedürfnis der Mittelschicht zu haben, sich von den niedrigeren Einkommensschichten abzugrenzen. Viele Menschen bevorzugen lieber ein irrationales und sozial ungerechtes System als sich einzugestehen, dass man am Ende des Tages mit den Ärmsten der Armen in einem Boot sitzt. Ein neues Arbeitszeitverteilungskonzept hätte aber den Vorteil, als Maßnahme zur Herstellung von sozialer Gerechtigkeit direkt an der heutigen marktwirtschaftlichen Realität anknüpfen zu können, ohne sich in theoretische Denkmodelle zu verlieren. Diese praktisch vorstellbaren und gut umsetzbaren Reformideen dürften das Potential haben, Mehrheiten mobilisieren zu können – um so in einem Konzept der kleinen Schritte eine Marktwirtschaft zu schaffen, die letztlich allen Menschen dient.

[1] Die offizielle Arbeitslosenzahl beträgt 2,95 Mio. Nicht berücksichtigt werden von der Bundesagentur für Arbeit 450 000 Arbeitslose, die sich in „arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen“ befinden. Ebenfalls nicht berücksichtigt werden 200 000 Personen, die über 58 Jahre alt sind und über einen Zeitraum von einem Jahr keine Arbeitsstelle angeboten bekommen haben. Diese Personen sind natürlich auch arbeitslos und werden hier aus diesem Grund hinzuaddiert. Eigentlich wären darüber hinaus auch noch die Personen zu berücksichtigen, die aufgrund temporärer Krankheit aus der offiziellen Arbeitslosenstatistik herausfallen oder die keine Vollzeitstelle ausüben und infolgedessen beim Jobcenter „aufstocken“ müssen.

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