NOlympia! Hamburg gewinnt

Eine knappe Mehrheit votierte am vergangenen Sonntag gegen eine Bewerbung der freien und Hansestadt Hamburg zu den olympischen Spielen im Jahre 2024. Damit hat die Hamburger Bevölkerung eine sehr vernünftige Entscheidung getroffen. Ein Teil dieser vielen Milliarden kann jetzt in sinnvollere Dinge investiert werden. Dazu gehören die Bereiche Soziales, Bildung, aber auch die Stadtentwicklung, nur eben z.B. ohne Olympiastadion für 16 Tage Sport. Drei Dinge sind dennoch anzumerken.

Erstens: Das Ergebnis ist erstaunlich und ein vielleicht einmaliges Beispiel für eine Entscheidung, in der eine Gesellschaft dem staatlichen Versuch der Meinungsbeeinflussung standgehalten hat.  Staatliche Unternehmen warben seit einem Jahr auf allen Fahrzeugen und Haltestelle für Olympia. Feuer und Flamme für Hamburg. Damit gab der Staat seine verfassungsrechtlich eigentlich vorgegebene politische Neutralität auf. Die Olympia-Befürworter setzten mit aufwendig inszenierten Veranstaltungen auf Emotionen: Zunächst Fackellauf an der Außenalster, dann menschliche Olympia-Ringe im Stadtpark. Aber noch viel bedeutender war der mediale Einfluss. Allen voran das Hamburger Abendblatt gab jede Unparteilichkeit und Objektivität auf. So fügte es nur eine Woche vor dem Referendum seiner Wochendsausgabe eine 20seitige Sonderausgabe bei, in welchem das Abendblatt in einer fiktiven zukünftigen Ausgabe nach Durchführung der olympischen Spiele vom Erfolg dieser Spiele schwärmte. Für ein „Ja“ bei dem kommendem Volksentscheid. In der Woche vor der Befragung funkelte auf jedem Titelblatt des Abendsblatts das Hamburger Olympia-Logo – direkt neben den Begriffen „Unabhängig – Überparteilich“. Die Bild-Zeitung machte in ähnlicher Weise Stimmung. Auch der Lokalsender Hamburg 1 spang mit auf den Zug. In der Olympia-Diskussionsrunde am Tag der Volksbefragung fanden sich ausschließlich Olympia-Befürworter. Nach erstmaliger Bekanntmachung der Zahlen war die Rede von „bedauerlichen Zahlen“, die sich „hoffentlich noch ändern würden“, „man wolle die Hoffnung ja nicht aufgeben“. Das NDR gab sich noch nicht einmal Mühe so zu tun, als würde man objektiv berichten. Die Hamburger Medienlandschaft hat mit wenigen Ausnahmen ganz ungeniert für Olmpia geworben und damit in einer konkreten politischen Fragestellung Position bezogen. Das ist freilich nicht verboten. Über den Stil lässt sich jedoch mit Sicherheit diskutieren.  Und viele Hamburgerinnen und Hamburger werden sich nun fragen, ob sie ihr Medium nicht vielleicht wechseln sollten.

Zweitens: Es ist offensichtlich die Zeit gekommen für erboste Beiträge von Profisportler*innen. Eine Entscheidung gegen den Profi- und Breitensport sei das Hamburger Nein zu Olympia.

Das sind bemerkenswerte Aussage, zumal wenn man sich vergegenwärtigt, auf welchem Niveau sich hier Sportler wie Robert Harting und Katarina Witt beklagen. Die Athlet*innen der olympischen Spiele profitieren zum großen Teil von öffentlicher Förderung (anders als viele andere mindestens ebenso förderungswürdigen Berufsgruppen, insbesondere auch im kreativen Bereich) und werden auch nach wie vor davon profitieren, undzwar ganz unabhängig davon, ob die olympischen Spiele in Deutschland oder sonst wo ausgetragen werden.

Und wie siehts aus mit dem Breitensport? Robert Harting zeichnet das Bild von einem übergewichtigen McDonald-Deutschland. Anders gesagt: Wenn die olympischen Spiele nicht nach Deutschland kommen, hören hier alle auf, Sport zu treiben. Richtig, Herr Harting – deswegen auch die Forderung der Hamburger Linkspartei: Neue Turnhallen in den Stadtteilen statt teure Olympia-Stätten; damit wir morgen sämtliche Sportangebote streichen, um dem übergewichtigen Deutschland den Weg zu ebnen. Hier werden Dinge in einer Weise vermischt und Zusammenhänge hergestellt, die kaum noch nachzuvollziehen sind. Offensichtlich aber fühlen sich einige Profisportler*innen zutiefst gekränkt. Die Hamburger Mehrheit will einfach nicht das, was Hartung und co. schon das ganze Leben machen. Und die Kosten? Da rechnet Hartung vor, ein oder zwei Mrd, das stünde doch in keinem Verhältnis zu den Beträgen, die Deutschland in andere Länder schickt, um sie zu unterstützen. Ein oder zwei Milliarden also … da hat wohl jemand eine Null vergessen. Paralympics-Siegerin Kirsten Bruhn sagte: „Es enttäuscht mich, dass die Menschen nicht sehen, dass es um den Sport geht.“ Frau Bruhn scheint – bei allem Respekt – nicht zu sehen, dass es anderen etwa um Bildung und Soziales geht. Der Profisport scheint nur den Profisport im Kopf zu haben. Er scheint hingegen bedauerlicherweise nicht die Vorstellungskraft dafür aufbringen zu können, dass andere Menschen auch anders ticken; und die mindestens aufzubringenden elf Milliarden besser woanders aufgehoben sein könnten. Um erst gar nicht mit dem IOC oder dem Dopingsumpf der Leichtathletik anzufangen.

Hamburgs Sportbundchef Jürgen Mantell stellt derweil die Volksentscheide in Frage und meint, die ablehnende Mehrheit hätte sich nicht genug informiert. Eine solche Reaktion bedarf zum Glück keine weitere Kommentierung. Fragt sich nur, ob sich der Hamburger Sportbund nicht vielleicht eine neue Führung gönnen sollte.

Drittens: Einige Medien und Politiker*innen sprachen vom fehlenden Mut der Hamburger*innen. Sie würden das Risiko scheuen, was einer Weiterentwicklung der Stadt entgegen stünde. Wo bleibt aber eigentlich die Risikobereitschaft, wenn es darum geht, soziale Fortschritte zu erreichen? Mutig scheint die Politik in den Augen vieler doch vor allem dann zu sein, wenn es um Kürzungen und Einsparungen geht. Und wird fehlender Mut hier nicht unzulässig mit ökonomischer Vernunft verwechselt? Die Hamburger*innen haben abgewogen und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass Kosten in zweistelliger Milliardenhöhe – bei einem schon jetzt bestehendem Hamburger Schuldenberg in Höhe von 33 Mrd Euro – einfach zu viel sind. Das gleiche Risiko würden sie eingehen, wenn es darum geht, genau dieses Geld nachhaltig einzusetzen in soziale Strukturen, Bildung, Breitensport, Infrastruktur und Stadtentwicklung. Da gehe ich jede Wette ein.

Zum Schluss sei noch auf weitere, lesenswerte Statements zur Entscheidung der Hamburger*innen verwiesen:

Goodbye Olympia!
Hello Besseres Leben!

Es lebe der Sport und Hamburg: Danke an alle!

http://www.taz.de/!5256093/

https://www.ndr.de/sport/olympia/Freude-statt-Vorwuerfe,kommentar1856.html

http://www.sueddeutsche.de/politik/hamburger-olympia-bewerbung-der-reiz-der-fuenf-ringe-verblasst-1.2760925

http://www.taz.de/!5252568/

http://www.spiegel.de/sport/sonst/olympia-referendum-hamburg-wer-fragt-muss-mit-der-antwort-leben-a-1065170.html

http://www.spiegel.de/sport/sonst/hamburgs-nein-zu-olympia-2024-die-quittung-kommentar-a-1065145.html

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