Meinungsumschwung bei Olympia?

Wenige Tage vor dem Referendum in Hamburg über die Bewerbung zu den olympischen Spielen 2024 scheint sich ein Stimmungswechsel zu vollziehen. Laut Mopo ist die Euphorie verflogen. Auch Radio Hamburg will eine gesunkene Olympia-Zustimmung ausgemacht haben. Wie valide das ist, bleibt fraglich. Am Sonntag werden wir Klarheit haben.

Aber eins ist ganz klar: Die Olympia-Ablehnung ist lange kein links-subversives Außenseiterprojekt mehr. Ganz gewiss nicht. Während noch vor einem Jahr die Olympischen Spiele keine große Rolle gespielt haben, die Kritiker vielerorts als Spaßverderber und Berufs-Skeptiker gebrandmarkt wurden, ist die sachlich formulierte und argumentativ sehr starke Gegenposition zu den auf Emotionen setzenden Befürwortern längst im Mainstream angekommen – zum Glück. Beiträge finden sich inzwischen auch bei der der Süddeutschen Zeitung, dem Spiegel, dem Hamburger Abendblatt, der FAZ und auch dem WDR. Dass die TAZ schon mehrmals olympiakritisch publizierte, soll nicht unerwähnt bleiben.

Das olympiakritische Lager hat endlich Unterstützung bekommen. In der Auseinandersetzung steht auf der einen Seite die staatlich finanzierte Olympia-Begeisterung, welche ihre Höhepunkte in einem aufwendig inszenierten Fackelmarsch an der Außenalster und einen ebenso aufwendig inszenierten die Olympia-Ringe bildenden Menschenmasse im Hamburger Stadtpark gefunden haben. Auf der anderen Seite steht ein bunter Mix aus verschiedensten Richtungen, vornehmlich sicherlich aus dem linken Lager. Dass es aber nicht nur um Anti-Kapitalismus geht, belegen die Wortmeldungen aus Wissenschaft, dem Hamburger Rechnungshof und NGO’s wie dem Zukunftsrat oder BUND. Der Bewerbung stehen auch viele ideologieunabhängige Gesichtspunkte entgegen. Nichts gegen Ideologien, aber diese Argumente sind das Mittel, um die Leute überzeugen. Das Olympia-kritische Lager muss ihnen mitteilen: Wir haben nichts gegen „völker“verbindende, internationale Spiele und wir haben auch nichts gegen Investitionen in Stadtentwicklung. Aber so wie es nun mal aussieht, stehen Nutzen und Kosten völlig außer Verhältnis. Es gibt immer noch keine Finanzierungszusage vom Bund, genauso wenig von den Unternehmen, die sich laut dem vorläufigen Finanzkonzept an den Kosten der Spiele beteiligen sollen. Im Übrigen ändert eine Zusage vom Bund auch nichts an der Kostenhöhe. Auch wenn wir Hamburgerinnen und Hamburger sind: Der Bund sind wir alle und, egal ob Hamburg oder Bayern. Wir dürfen das Argument nicht gelten lassen, dass Hamburg nur seinen Teil zu zahlen haben wird. Die Bedingungen vom IOC sind katastrophal und rechtswidrig, nachhaltige Spiele sind schlechterdings unmöglich, wenn für zwei Wochen Sport ein Olympiastadion mit einer Kapazität von 70 000 Personen gebaut werden muss. Schon gewusst? Das Olympiastadion soll nach den Spielen zurückgebaut werden auf eine Kapazität von 20 000, weil die Stadt Hamburg für ein so großes Stadion keine weitere Verwendung hätte. Wie nachhaltig ist das denn? Unerwähnt sollen auch hier die riesigen Entschädigungssummen in Milliardenhöhe nicht bleiben, die fällig werden, um die Betriebe am Grasbrook zu entschädigen. Und by the way: Wie viel Geld hat eigentlich eine Stadt, die einmal mehr Jugendhilfeprojekte aus Kostengründen streicht?

Es bedarf keiner linken Perspektive auf die Welt, um gegen Olympia Position zu beziehen. Ganz im Gegenteil: Simple ökonomische Überlegungen reichen schon völlig aus, um das Feuer der Fackeln zum Erlöschen zu bringen. Martin Müller (Süddeutsche Zeitung) hat das in einleuchtender Weise auf den Punkt gebracht: „Dasselbe Geld würde in anderen Projekten viel höhere Erträge abwerfen. Im Fachjargon spricht man hier von Opportunitätskosten. Damit gemeint ist der entgangene Nutzen, der dadurch entsteht, dass man bessere Investitionsmöglichkeiten links liegen lassen muss. […] Opportunitätskosten entstehen auch durch Hamburgs Konzept von kompakten Spielen im Herzen der Stadt. Es platziert riesige, aber selten genutzte Sportanlagen wie das Olympiastadion an zentraler Stelle direkt am Wasser. Viel sinnvoller wäre es hingegen, auf solchen Flächen intensiv genutzte Wohnungen, Büros oder Freizeitanlagen zu schaffen.“ Denken könnte man natürlich auch an Investitionen in Bildung und Soziales nicht zuletzt zur Bewältigung der Flüchtlingsströme.

Im Übrigen würden olympische Spiele unweigerlich zur Neuverschuldung führen. Das liefe dem Zweck der in der Hamburger Verfassung verankerten Schuldenbremse entgegen, die doch dazu gedacht ist, zukünftige Generationen von hohen Kreditlasten und damit eingerhenden Zinsforderungen zu bewahren. Anders gesagt: Die Neuverschuldung heute steht auch den Bildungsinvestitionen der Zukunft entgegen.

Was sich für die Stadt als Opportunitätskosten darstellt (oder besser gesagt: darstellen sollte), sieht für Teile der Wirtschaft freilich ganz anders aus. Dort stehen geringe Kosten vermeintlich hohe Profitchancen gegenüber. Wenn schon nicht durch die 2 Wochen Sport, dann wenigstens durch eine steigende Bekanntheit der norddeutschen Metropole, das jedenfalls glauben die Fackel-tragenden Unternehmerinnen und Unternehmer. Das scheint sich die Handelskammer Hamburg zu erhoffen oder auch die Brüder Braun vom Miniaturwunderland, welche sich verantwortlich zeichnen für Fackellauf und Stadtpark-Inszenierung. Die Formel gesunde Wirtschaft gleich gesunde Gesellschaft ist jedoch auch hier ein Trugschluss. Eine nachhaltige Wirkung in wirtschaftlicher Hinsicht ist äußert zweifelhaft. Sie vermag angesichts der immensen Kosten keine Olympia-Euphorie zu erzeugen. Über die vielen Argumente und Quellen wurde an anderer Stelle schon ausführlich berichtet.

Nur noch wenige Tage sind es bis zum Referendum in Hamburg. Wie es ausgehen wird, ist nicht abzusehen. Mit Blick auf die zunehmende Olympia-Ablehnung könnte es am Sonntag ganz eng werden. Für Hamburg und den Bund steht vieles auf dem Spiel, nämlich ein zweistelliger Milliardenbetrag. Jetzt heißt es: Weiter überzeugen und Daumendrücken für ein NEIN beim Referendum am kommenden Sonntag.

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2 Gedanken zu “Meinungsumschwung bei Olympia?

  1. „Im Übrigen würden olympische Spiele unweigerlich zur Neuverschuldung führen“ – sagst du so und stellst es als Fakt da. Die Verantwortlichen behaupten das Gegenteil. Was stimmt, wissen wir erst nachher. Aber wenn du die Gegenseite kritisierst, könntest du zumindest so offen spielen und sagen, dass sie deiner Meinung nach zu Neuverschuldungen führen und dann erklären, warum du es besser zu wissen meinst als die fachleute.

    Und zu einem anderen Punkt: “ Viel sinnvoller wäre es hingegen, auf solchen Flächen intensiv genutzte Wohnungen, Büros oder Freizeitanlagen zu schaffen.“
    Auf den Grasbrook sollen nach den Spielen Wohnungen entstehen (im Übrigen auch im Stadion). Das verkleinerte Stadion ist doch eine Freizeitanlage. Gleiches gilt für das Schimmbad, was zu einem Freizeitschwimmbad umgerüstet wird. Und dass auf dem Grasbrook Wohnungen oder sportliche Freizeiteinrichtungen entstehen ohne Olympia ist weitestgehend ausgeschlossen. Weil die Kraftanstrengungen dafür fehlen und es auch rechtlich dann nicht so einfach ist, die Hafenbetriebe umzusiedeln.

    Von staatlich finanzierter Olympia-Begeisterung kann übrigens auch keine Rede sein. Die führst ja selbst zwei Höhepunkte auf, die du dann weiter unten still und heimlich den Miniatur-Wunderland-Betreibern richtiger Weise zurechnest, also nicht „dem Staat“. Auch die Werbeplakate jetzt stammen nicht aus Steuergeldern!

    Und wenn du sagst (oder zitierst) das gleiche Geld würde wo anders mehr Gewinn abwerfen. Für 1,2 Mrd, die HH in die Hand nimmt, kommt der Rest von IOC, Einnahmen und Bund (ja, auch da zahlen HH Betriebe und Bürger einen Teil der Steuermenge) hinzu. Es gibt kein Projekt wo für einen investierten Euro so viele von Außen hinzu kommen. Und nicht zu vergessen sind die zusätzlichen Einnahmen, die nicht im Finanzreport sind: Wenn gebaut wird, werden steuern gezahlt. Menschen werden dafür beschäftigt, auf deren Lohn steuern anfällt. Auch davon bleibt ein Teil beim Bundesland HH. Es ist nicht nur so, dass die Wirtschaft (die übrigens auch aus Menschen besteht) allein von erhöhten Aufträgen etc. verdient.

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  2. Pingback: NOlympia-Presseschau für November 2015 » Nolympia

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